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Von Januar 1995 bis März 1999 haben wir in den Vereinigten Staaten von Amerika gelebt (in Poughkeepsie, einer kleinen Stadt im Staat New York, um präzise zu sein) und somit eine Menge
über die amerikanische Lebensweise gelernt. Um dieses Wissen unseren Freunden in der Alten Welt weiterzugeben, haben wir regelmäßig kleine Berichte (sog. Poughkeepsie Newsletters) geschrieben. Hier ist einer davon. Viel Spaß!
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Von Junk und Trash und anderen Collectibles |
(geschrieben in Poughkeepsie im US Bundesstaat New York, Juli 1998) |
Und wieder einmal ist es Sommer in Poughkeepsie. Der Heuschnupfen hat Hochkonjunktur, die Mücken stechen unbarmherzig in alle freiliegenden Körperteile und
die geplagten Eltern fiebern dem Tag entgegen, an dem ihre schulfreien Sprößlinge endlich das Telefon freigeben und ins Sommerlager fahren müssen. Ansonsten herrscht jedoch allüberall nicht nur Sonnenschein, sondern auch eitel Freude.
Vor allem deshalb, weil für Vati (dad) nun wieder einmal die Zeit gekommen ist, endlich die Garage entrümpeln zu dürfen und Mutti (mom)
ihre Keller und Kammern ausmistet, um Platz für Konsumgüter neueren Datums zu schaffen. In zehn schlichten Wörtern: es ist die hohe Zeit der Flohmärkte und Garage Sales. Nicht umsonst handelt dieser Newsletter deshalb von »Trödel, Ramsch und anderen Sammlerstücken«, wie die Überschrift dem Englischkundigen sofort verraten hat.
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Mit echten Antiquitäten ist das so eine Sache in diesem relativ jungen Lande, wo der
allgemeine Zeitbegriff am besten dadurch charakterisiert wird, daß hier ein Unternehmer mit unverhohlenem Stolz in dicken goldenen Lettern auf seinem Firmenschild verkündet: Established 1989
(dtsch.: gegründet 1989). Trotzdem findet man auch Antiquitäten zu entsprechend saftigen Preisen sonder Zahl hier, die vor ein- oder gar zweihundert Jahren von irgendwelchen besser begüterten Einwandererfamilien ins Land geschleppt wurden. Und nicht zu vergessen all diejenigen Stühle, Lampen, Vasen, Truhen und Tischdecken, die von fleißigen Handarbeitern oder aufstrebenden Fabriken dermaleinst hier vor Ort hergestellt worden sind. Ja, sowas gibt es natürlich auch. Der Unterschied zu den europäischen Antiquitäten besteht lediglich darin, daß man hier die erwähnten entsprechend saftigen Preise in Dollars bezahlen muß statt in D-Mark, Franken oder Kronen. Aber saftig sind sie in jedem Fall und deswegen werde ich auch nicht von solchen Antiquitäten berichten.
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Viel interessanter ist ein Phänomen, das in dieser Form in Deutschland nahezu unbekannt ist
und das ich in der Einleitung schon kurz habe anklingen lassen: die sogenannten Garage Sales
(dtsch.: Garagenverkäufe). Nicht daß in Amerika den ganzen Sommer hindurch pausenlos Garagen verkauft werden. Dem ist nicht so, denn das wäre in den meisten Fällen auch recht aufwendig, weil dieselben hier in aller Regel fest mit dem jeweiligen Haus verbunden oder jedenfalls doch irgendwie im Boden verankert sind. Zweitens kann man davon ausgehen, daß sowieso jede amerikanische Familie eine Garage (mindestens eine) besitzt und damit ist der Nachfrage nach gebrauchten Garagen von vornherein eine gewisse natürliche Grenze gesetzt. Die Bezeichnung
Garage Sale
muß daher eine andere Ursache haben, deren Ursprung ich einmal nachgegangen bin und wofür ich nach minutenlangen Recherchen sogar eine ziemlich akzeptable sprachliche Erklärung gefunden habe: so wie man beim deutschen Sommerschlußverkauf auch keine Sommerschlüsse feilbietet (jedenfalls habe ich das dort, wo ich bisher gewohnt habe, noch nie erlebt, aber in anderen Gegenden mag das ja durchaus möglich sein, ich weiß es jedoch nicht), so verkauft man halt in Amerika beim Garage Sale keine Garagen. Eigentlich eine ganz einleuchtende Erklärung, aber da muß einer erstmal draufkommen.
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Trotzdem wollte ich ganz etwas anderes erzählen, nämlich was es mit diesen Garage Sales
eigentlich auf sich hat. Wie der Name schon sagt, ist die Garage kurz nach Erfindung des Rades in der Jungsteinzeit entwickelt worden, um fahrbare Untersätze und später dann logischerweise auch Automobile darin vor den Unbilden der
diversen Witterungen zu schützen, und in genau dieser Funktion trifft man Garagen auch seither in aller Welt an. Nur nicht in Amerika. Hier hat die Garage als solche den Zweck, all das zu beherbergen, wofür im Hause kein rechter Platz
gefunden werden kann - und das ist eine schöne Menge. Rasenmäher, Heckenschere, Kettensäge und Swimmingpoolpumpe lasse ich noch durchgehen, diese Geräte sind ja bekanntlich motorgetrieben und können somit bei etwas gutem Willen als
weitläufige Verwandte des Automobils angesehen werden. |
Allerdings bleibt es nicht dabei, sondern im Laufe der Jahre (bei besonders konsumfreudigen
Amerikanern dauert es meist nur ein paar Monate) gesellen sich in bunter Eintracht auch noch folgende Gegenstände hinzu: drei Baseballhandschuhe, zwei halbvolle und zwei halbleere Farbeimer und vier ungebündelte Zeitungsstapel. Dazu
noch ein Beistelltischchen (Bostoner Spätbarock), eine ab und zu funktionstüchtige Kühltruhe, zwei unterschiedlich lange Gartenschläuche (einer davon mit zahlreichen Rissen, aus denen bei Inbetriebnahme dem überraschten Benutzer
lustige kleine Wasserstrahlen eiskalt auf das T-Shirt spritzen) und eine uralte Holzkiste mit rostigen Werkzeugen. Es findet sich auch eine nicht ganz so uralte Plastikkiste mit zwölf Barbiepuppen und diversem Zubehör der Tochter, die
seit fünfzehn Jahren als wohlbestallte Rechtsanwältin in Minnesota tätig ist, eine Autofelge, ein Kinderfahrrad ohne Vorderreifen sowie eine fleckige Sprungfedermatratze im Kingsizeformat, die keinen Zweifel an ihrer Sprungfederigkeit
aufkommen läßt. Links hinten liegen drei Regalbretter ohne Regal plus ein Regal ohne Regalbretter (die drei losen Bretter sind leider zu kurz), siebenundzwanzig Blumentöpfe (ungefähr die Hälfte davon sogar noch mit Erde), eine
Campinglaterne, fünf Autoreifen, zwei Zeltstangen, ein Besen, zwei völlig durchgesessene Stühle aus brüchigem Korbgeflecht, ein Schuhkarton mit rostigen, größtenteils krummen Nägeln, ein älteres Wählscheibentelefon und eine ziemlich
große Kiste mit Diversem, auf die ich gleich noch genauer zu sprechen komme. Desweiteren anderthalb Klafter Kaminholz, ein Fotoalbum, ein Netz mit verschiedenen Bällen (Hand-, Basket-, Tennis-, Fuß-, Base- und Federbälle sowie ein
versehentlich hineingeratener Eishockeypuck), ein schon recht zerbissener Hundeknochen aus Büffelhaut, ein Aquarium ohne Wasser, aber dafür mit zwei luftgetrockneten Goldfischen, ein Sortierkasten mit Schrauben und Muttern in jeder
nur erdenklichen Größe, ein verbeulter Benzinkanister, eine fast neue Waschmaschine, zwölf unleserlich beschriftete Dosen, bei denen niemand mehr weiß, was drin ist, eine Frisierkommode im Neuenglandstil mit zwei Schubladen, eine
durch ausgelaufene Batterien unbrauchbar gewordene Taschenlampe, eine leere Plastiktüte, eine Plastiktüte mit alten Küchentüchern, eine Plastiktüte mit leeren Joghurtbechern, eine Plastiktüte mit Schnüren und Bindfäden, eine
Plastiktüte mit fünf (?) total ausgelatschten Turnschuhen und eine Plastiktüte mit Plastiktüten. Auf der eben erwähnten Kiste steht eine Sporttasche, die der Sohn des Hauses, heute gleich seiner Schwester ebenfalls ein wohlbestallter
Rechtsanwalt in Wyoming, nach seinem letzten Highschool Football Match vor elf Jahren einfach hier abgestellt und in die bis heute keiner hineinzuschauen gewagt hat, daneben ein ölverschmiertes, notdürftig in Zeitungspapier
gewickeltes Etwas aus Zahnrädern und anderen Metallteilen und ein erstaunlicherweise völlig leerer Pappkarton. An der Rückwand lehnen treulich vereint ein Blitzab-, eine Steh- sowie ein ältlicher Filialleiter, und bunt verteilt sind
Bilderrahmen ohne Bilder, Sonnenschirme ohne Sonne, Gartenstühle ohne Garten, Nachtkonsolen ohne Nacht, Autokindersitze ohne Auto und sogar ohne Kinder, Suppenkellen ohne Suppe sowie ein alter Wecker, ein Kartenspiel, bei dem das
Kreuz-As und die Pik-Sieben fehlen, zwei Puzzles, ein halbfertiges Ölgemälde (Malen nach Zahlen) aus der Kreativitätsphase der Hausfrau, eine Rolle Draht, ein Stück Seil, elf Häkeldeckchen, ein kaputter Taschenrechner, zwei
Plattenspieler, drei Kassettenrekorder und ein Kofferradio. Natürlich nicht zu vergessen den Kleiderständer mit Kleidungsstücken, die selbst die Heilsarmee bei der letzten Spendenaktion angewidert zurückgewiesen hat, und um das Bild
abzurunden auch noch zahlreiche Spinnweben, unzählbare Ameisen und ziemlich viele Kellerasseln, die in diesem Fall eigentlich Garagenasseln heißen müßten und die der Hausherr zwar gerne loswerden möchte, die aber höchstwahrscheinlich
doch niemand kaufen wird. |
Die Zusammensetzung und die Anzahl dieser Gegenstände weicht natürlich familienindividuell
voneinander ab, wie wir inzwischen aus Erfahrung wissen. So berichtete Gisela kürzlich bei einer besonders pflanzenfreudigen Familie von dreiundfünfzig Blumentöpfen statt der üblichen siebenundzwanzig, und ich entdeckte vor einigen
Wochen bei einem weitläufig entfernt wohnenden Nachbarn statt einem gleich zwei Kinderfahrräder ohne Vorderreifen, als ich zufällig an seinem geöffneten Garagentor vorbeifuhr. |
Jetzt zu der Kiste, auf die ich noch zu sprechen kommen wollte: diese Kiste, eigentlich eine
Art Aussteuerwäschetruhe aus Vulkanfiber oder Pappmaché oder Was-weiß-ich, manchmal auch in Form eines alten Koffers, enthält all das, was aufgrund seiner Kleinheit oder auch seines familiären Sentimentalwertes wegen nicht einfach in
einen freien Garagenwinkel gestopft werden kann, mal ganz davon abgesehen, daß die klassische amerikanische Garage trotz ihrer für Europäer erstaunlichen Größe überhaupt keine freien Winkel mehr aufweist, wie man inzwischen weiß. Zu
diesen Sentimentalitäten gehört in erster Linie allerlei herzergreifend Selbstgebasteltes oder -gemaltes von den Kleinchen, das ich wegen der grundsätzlich damit verbundenen Familienemotionen in diesem Zusammenhang lieber nicht näher
kommentieren möchte. Doch darüber hinaus findet der staunende Betrachter in dieser Kiste einen Erinnerungsaschenbecher, dessen Erinnerungswert erstens darin besteht, daß man mal geraucht hat als es noch nicht so gefährlich war, und
zweitens, daß er ursprünglich aus The Old Country Inn, Brimfield, Mass. stammt. Desweiteren einen Erinnerungsteller mit lebensgroßem Hummermotiv und der Aufschrift Memories of Maine, ein extrem geschmackvolles
Erinnerungsväschen samt noch geschmackvollerer Trockenblumen aus Philadelphia, vier flotte Erinnerungskaffeebecher (Yours Forever, I love NY, Starbuck's Coffee und Daddy is the Best), einen kleinen
blau-weiß-roten Erinnerungswimpel ( Veteran's Day, Washington, DC, 1973) und natürlich die beiden obligatorischen Erinnerungsbaseballkappen (Nuclear Power Plant, Harrisburg, Pennsylvania und Shop Rite And Always Save
). Zusätzlich noch die verschimmelte Blockflöte der Tochter und die saitenlose Gitarre des Sohnes, die während des Jurastudiums sowieso nur hinderlich gewesen wären. All das wird noch aufs Schönste ergänzt durch verschiedene
Kleinstteile, länglich, rund, mehreckig oder flach, die entfernt an irgendwas erinnern, von denen aber niemand mehr genau sagen kann, um was es sich eigentlich handelt oder irgendwann mal gehandelt hat. |
Um dieses buntgemischte Garagentohuwabohu auf wiederholtes Geheiß ihrer Gattinnen nun endlich
loszuwerden, haben ein gewisser John Doe und sein alter Onkel Sam an einem strahlenden Maimorgen gemeinsam den Garage Sale erfunden. So jedenfalls geht die Sage - zumindest seit ich diesen Newsletter geschrieben habe. Das war eh
einfach genug, denn zu diesem Zweck haben die beiden ihr Garagentor weit geöffnet und oben an der verkehrsreichen Hauptstraße, dort wo ihre stille Wohnstraße abzweigt, ein knallrotes, mindestens mehrere Quadratmeter großes Schild an
den nächsten Baum genagelt: GARAGE SALE TODAY, mit einem dicken Pfeil in die Richtung, in die man, genauer: meine Frau fahren muß, um zum Ort des Geschehens zu gelangen. |
Eigentlich hätte in diesem speziellen Fall das Schild weder knallrot noch zwei Quadratmeter
groß zu sein brauchen, denn Gisela hat im Laufe der letzten drei Jahre eine Art sechsten Sinn dafür entwickelt, wo im Mid Hudson Valley ein Garage Sale stattfindet. Es kann passieren, daß wir - speziell ich, ahnungslos und vom
Shopping erschöpft - auf unserem Nachhauseweg gedankenverloren vor uns hinfahren und mir plötzlich eine seltsame Unruhe an meiner Frau auffällt. Zuerst ist es ein fast unmerkliches Drehen ihres Kopfes, als suche sie etwas, dann ein
erstes vorsichtiges Räuspern, welches alsbald in dem als Bitte verkleideten Befehl gipfelt: "Sei doch so lieb und fahr' die nächste Straße links rein." Das inzwischen eingesetzt habende Glitzern in ihren Augen wird
unübersehbar, ebenso wie ihr prüfender Blick ins Portemonnaie, ob noch genügend Eindollarnoten und Quartermünzen drin sind. Das Vorhandensein derselben ist nämlich die unabdingbare Voraussetzung für ein erfolgreiches Feilschen, denn
es macht sich einfach nicht gut und schadet außerdem der eigenen Glaubwürdigkeit, falls man später zufällig auf denselben Garage Sale gerät (was durchaus möglich ist), wenn man den Preis eines ersehnten Gegenstandes mit allen
psychologischen Tricks und Mitteln von drei Dollar auf fünfzig Cents herunterhandelt, um dann lässig mit einem Hundertdollarschein zu bezahlen. Aus genau demselben Grund kleidet sich meine Frau übrigens an besonders
garagesaleträchtigen Tagen, also meistens an den Wochenenden, in Lumpen und streut sich Asche aufs Haupt, um bei den arglosen Garagenverkäufern gegen jeglichen Verdacht mittelständischer Zahlungskraft gewappnet zu sein. |
Gehorsam biege ich also bei der nächsten Gelegenheit (doch noch über eine Meile - die
Entfernungen in Amerika erstaunen mich immer wieder aufs Neue) links ab und richtig, wieder einmal haben sich die übernatürlichen Kräfte meiner Frau als untrüglich erwiesen. Dort ist das giftig rote Garage Sale Schild. Selbst das Haus
von John Doe ist nicht zu verfehlen, denn warum sonst sollte die Straße genau davor von einem guten Dutzend Autos zugeparkt sein? Bei der Hälfte der Wagen läuft sogar der Motor und der Amerikakenner weiß sofort: "Aha, da sitzt
jemand drin, der bei der Julihitze nicht auf seine Klimaanlage verzichten will." Und dieser Jemand ist in jedem Fall ein leidgeprüfter Ehemann. Man erkennt ihn sofort an den zum Himmel gedrehten Augen und an den schützend um
Kreditkarten und Scheckbuch gekrampften Händen. |
So einer bin ich natürlich nicht! Erstens hängt mein Herz nicht sehr am Golde, zweitens liebe
ich meine Frau und teile gerne ihre Interessen, drittens haben wir (noch) genug Platz in Küche, Keller und sogar in der Garage, um mühelos noch das eine oder andere unterbringen zu können und viertens hat John Doe ja möglicherweise
was dabei, das auch mich interessiert. |
Daher haben wir inzwischen treulich Hand in Hand John's Garagenauffahrt betreten und
versuchen, von nun an ein möglichst gleichgültiges Gesicht zu machen. Auf der Wiese links und rechts der zur Feier des Tages frisch geteerten Auffahrt hat John einige Camping- und Tapeziertische aufgebaut, auf denen sich in bunter
Vielfalt die eben genannten Gegenstände plus einige mehr stapeln. Erstaunlich, man sieht es der einladend geöffneten Garage überhaupt nicht an, daß etwa zwei Drittel des Gerümpels aus ihr entfernt wurden, sie ist immer noch bis unter
die Decke gestopft voll. Das kann aber auch an den vielen, meist stark übergewichtigen Amerikanerinnen liegen, die mit irrem Blick hektisch in genau den Klamotten herumwühlen, die sie alle selber zu Hause in der Garage haben. Ich
werde unwillkürlich an den ersten Tag des Sommerschlußverkaufs in einem deutschen Kaufhaus erinnert. Nur daß es dort in aller Regel nicht so penetrant nach Staub, Mottenkugeln und Schimmel riecht. Doch was soll's, ich stürze mich
tapfer ins Gewühl, in dem Gisela bereits untergetaucht ist. |
Der größte Teil des Trödels interessiert mich recht wenig, erstens weil ich ihn bereits von
allen anderen Garage Sales vorher kenne, und zweitens weil sich das meiste in einem Zustand befindet, der dem sprichwörtlich hohen Niveau unserer heimischen Wohnkultur einfach nicht gewachsen ist. Trotzdem entdecke ich nach einigem
Herumschauen eine Kiste mit alten Langspielplatten unter einem der Tapeziertische. Mal sehen, was da so bei ist. Aha, genau wie ich es mir gedacht habe: Sinatras Greatest Hits
(haben wir schon), zwei Weihnachtsplatten (haben wir auch schon), mehrere mir unbekannte Interpreten (haben wir zwar noch nicht, wollen wir aber auch nicht haben) und ein Doppelalbum mit den gesammelten Reden eines farbigen Predigers (wenn wir sowas hätten, würden wir auch versuchen, es so schnell wie möglich loszuwerden).
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Gut, das war also schon mal nichts. Ich schaue mich weiter um und schon erregt ein Telefon in
Form einer etwas größeren Budweiser-Bierdose meine Aufmerksamkeit. Zumindest nicht ganz unoriginell. Zwar besitzen wir bereits vier oder fünf Telefonapparate in den unterschiedlichsten Formen und Farben, aber ein solches ist
tatsächlich noch nicht dabei. Ein leiser Anflug von Kaufrausch durchzuckt plötzlich sogar meinen jungen Körper, den ich gegen solche Anfälle gefeit geglaubt hatte, doch noch bevor ich fragen kann, wieviel John dafür haben will, taucht
Gisela unversehens aus dem Gewühl auf. Um ihre Mundwinkel spielt jener Hauch von Triumph, den nur ich als solchen deuten kann. Sie ist also wirklich fündig geworden. Diesmal ist es eine hübsche Wasserkanne aus massivem Sterlingsilber,
so wie sie viele Restaurants in den Zwanzigerjahren verwendet haben dürften, für lächerliche acht Dollar. Es ist nicht zu fassen! Ich glaube, die Fähigkeit so was zu finden, muß man in die Wiege gelegt bekommen haben. In meiner lag's
jedenfalls nicht, ich sehe fast immer nur Schrott, doch meine Frau hat als würdige Angehörige der Spezies Homo Venditio Garagis nicht nur nach drei Minuten aus einem Haufen Gerümpel das einzige Teil von Wert herausgepickt, sondern es
auch noch zu einem Preis bekommen, der das Herz eines jeden Trödelenthusiasten vor Neid erblassen läßt. |
Genau an dieser Stelle erhebt sich natürlich die Kernfrage, ob wir tatsächlich eine silberne
Wasserkanne brauchen, und darauf kann ich gleich zwei plausible Antworten geben. Erstens: nein, da wir schon mindestens zwei Wasserkaraffen besitzen und außerdem nur ganz selten Wasser trinken. Zweitens: ja, denn man kann sie ja auch
als Blumenvase oder als Zwischenlager für Gummiringe, Bleistiftstummel und Büroklammern zweckentfremden oder man kann Linsen, Cornflakes und vertrocknete Brötchen darin aufbewahren. Man kann sie als Bücherstütze und Tischpapierkorb
verwenden oder man kann sie einfach in die Vitrine stellen und sich bei ihrem Anblick über sein Schnäppchen freuen. Jedenfalls sind die Einsatzmöglichkeiten einer silbernen Wasserkanne schier unbegrenzt und damit ist der Kauf auf
jeden Fall gerechtfertigt. Und weil wir damit unsere täglichen acht Garage Sale Dollars bereits ausgegeben haben, überlassen wir den Rest der aussortierten Zivilisationsgüter für dieses Mal den übergewichtigen Damen und fahren, ab
jetzt von weiteren grellfarbenen Schildern am Straßenrand unbehelligt, nach Hause. Unterwegs sinniere ich über den Buchstaben B nach, welcher im Handumdrehen aus dem Garage ein Garbage
(dtsch.: Abfall) macht und damit einen nicht unerheblichen Bedeutungswandel bewirkt, welcher der Wahrheit meistens wesentlich näher kommt. |
Leider funktioniert dieses orthographische Spiel nicht mit allem, was sich unsere findigen
Amerikaner ausdenken, denn Garage Sale ist nicht die einzige Bezeichnung für das gerade Beschriebene. Je nach Anlaß bezeichnen sie ihren samstäglichen Müllverkauf auch als Tag Sale, Barn Sale,
Moving Sale oder sogar als Divorce Sale*, wie wir im Laufe der Zeit herausgefunden haben. Gemeint ist aber immer dasselbe. |
*Tag
ist ein Preisschildchen, mit welchem jedes einzelne Teil sorgfältig ausgezeichnet wird. Damit will der Verkäufer ausdrücken, daß er bzgl. des dort drauf vermerkten Preises nicht mit sich handeln lassen will. Das ist in Amerika natürlich ein Widerspruch in sich und deshalb nimmt das auch keiner ernst, weder der Verkäufer noch der Käufer.
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Barn
heißt Scheune und deutet somit an, daß es erstens neben der Garage auch noch eine ganze Scheune voll Gerümpel gibt und daß zweitens demzufolge auch Schneepflüge, Traktoren, Schubkarren, Mähdrescher, Mistgabeln und Autowracks zum Verkauf anstehen.
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Ein Moving
(dtsch.: Umzug) Sale wird immer dann veranstaltet, wenn man beabsichtigt, seinen Lebensabend in Florida zu verbringen und demzufolge keinen unmittelbaren Bedarf mehr für die Skiausrüstung und die beiden Schneeschieber hat. |
Bei einem Divorce
(dtsch.: Scheidung) Sale sollen alle die Sachen verhökert werden, die der jeweils neue Partner auf keinen Fall in seinem Hause dulden will. Hier kann der Kenner die besten Schnäppchen machen. |
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Neben dieser Besonderheit der typisch amerikanischen Garage Sales gibt es natürlich auch in
den USA die weltweit so beliebten Floh- und Antikmärkte, deren größter unserer Gegend viermal jährlich in Stormville veranstaltet wird. Dies ist ein winziger Ort etwa acht Meilen von unserer Garagenausfahrt entfernt, ein Ort, dessen
internationale Bedeutungslosigkeit nur noch von Wuppertal-Elberfeld unterboten wird, wäre da nicht alle drei Monate die besagte Veranstaltung, zu der Jung und Alt nicht nur aus dem ganzen Mid Hudson Tal herbeiströmen, sondern es
werden gelegentlich sogar Nummernschilder aus Connecticut, New Hampshire und Massachusetts gesehen. Somit est auch in Stormville wieder einmal nomen omen, weil einerseits dieser Flohmarkt einen ganzen Flugplatz von der Größe
Essen-Mülheims belegt und weil andererseits der An"storm" der Flohmarktbegeisterten während der zwei Tage seines Stattfindens schier nicht abreißen "ville". Die Zufahrtsstraßen sind demzufolge
ununterbrochen verstopft, was aber aufs schönste durch die massiven Verkehrsstaus auf den Abfahrwegen kompensiert wird. Es ist also einerseits schwierig hin-, aber genauso schwierig wieder wegzukommen, welchletzteres natürlich ganz im
Sinne der Veranstalter und der Händler ist. Aus den genannten Gründen benutzen Gisela und ich daher meistens unsere Motorräder (zumindest in den Sommermonaten), weil sie gegenüber dem Auto a) eine höhere Beweglichkeit garantieren und
uns b) aufgrund der doch ziemlich begrenzten Ladekapazität gar nicht erst in Versuchung bringen, irgendwelches antike Sperrgut zu erwerben. So müssen wir uns in aller Regel zwangsläufig auf die kleineren Dinge beschränken, die zwar
nicht unbedingt wesentlich billiger, aber dafür einfacher zu transportieren sind. So bauen in Stormville neben den wenigen privaten Flohverkäufern, die ja, wie inzwischen bekannt, alle zu Hause ihre Garagen zum Zwecke eines
entsprechenden Sales haben, hauptsächlich professionelle Antiquitätenhändler ihre Stände auf. |
Hinzu kommen noch zahlreiche fliegende Händler und Marketender nebst ihren -innen mit
Neuwaren jedweden Ursprungs, deren Bandbreite von A wie Ahornsirup bis Z wie Zinkwannen reicht. Und da viele dieser Händler selbst aus so entlegenen Bundesstaaten wie Vermont, Pennsylvania oder gar New Jersey angereist kommen, ähnelt
dieses Ereignis doch mehr dem Mittelding aus einem gigantischen amerikanischen Garage Sale und einer Einkaufsmall, als einem klassischen deutschen Flohmarkt, weil die Händler natürlich alle mit ihren Transportfahrzeugen da sind und
daher alle zusammen ein mittelgroßes Städtchen aus Wohnmobilen, Lieferwagen, Autos und Zelten bilden, auf dessen imaginären, aber dennoch staubigen "Garagenauffahrten" die Campingtische mit den Waren stehen. |
Alles das gruppiert sich in schöner quadratischer Ordnung um einen gewaltigen food court
, denn schließlich sind wir in Amerika. Oft kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß dieser Freßplatz (die einzig wahre Übersetzung von food court) der eigentliche Grund für die Menschenmasse ist, sich viermal
jährlich nach Stormville zu wälzen. Jede nur erdenkbare Leckerei für einen amerikanischen Fastfood-Gourmet brutzelt und köchelt munter allüberall in den farbenfrohen Buden, daß die grauen Qualmwolken des vielleicht nicht immer ganz so
frischen Bratfetts die Sonne verdunkeln, die wenigen europäische Besucher taumeln lassen und im nicht allzu fernen Wäldchen hin und wieder ein Vöglein mit fettverklebtem Gefieder tot vom Baume fällt. Zighunderte meist
schwerstgewichtiger Amerikaner jedweden Geschlechts und Alters streben ununterbrochen von diesem Mittelpunkt in die schier endlosen, staubigen Gänge zwischen den Flohmarktständen, gewaltige Pappschalen mit stark mayonnaisierten Pommes
Frites, dick senfbeschmierten Hot Dogs, knoblauchsoßetriefenden Döner-Kebabs und ketchuptropfenden Schaschliks davontragend. In dieses kulinarische Gesamtbild passen natürlich ausgezeichnet die vielen ebenfalls übergewichtigen
Kleinchen mit ihren knallbunten Limonaden in noch knallbunteren Pappbechern, mit ihren kariesfördenden Zuckerstangen und mit den Waffelhörnchen, aus denen eine geschmolzene Eisbrühe stetig über Händchen und Ärmchen aufs Kleidchen oder
Höschen kriecht und schließlich auf dem staubigen Boden eine klebrige Tropfenspur hinterläßt, die sich zusammen mit zahlreichem Kleingetier, bestehend aus Hunden, Katzen und Fliegen (besonders Fliegen), nahtlos in das bereits
vorhandene malerische Arrangement aus ausgespuckten Kaugummis, plattgetretenen Fritten und zahlreichen Abfallpapierchen einfügt. |
Ganz klar, daß jede der zahlreichen Freßbuden zu allem Unglück auch noch ihre eigene Musik
produziert, die den unschuldigen Passanten aus irgendwelchen Ghetto Blastern oder noch weit scheußlicheren Geräten derartig in die Ohren dröhnt, daß man kaum sein eigenes, geschweige denn das Schmatzen seiner Mitmenschen hören kann.
Das einzige, was akustisch noch ziemlich klar durchdringt, ist das sonore Knattern der benzingetriebenen Stromaggregate ringsherum, von denen jede Bude mindestens eines besitzt, und die durch den Gestank ihrer Abgase ganz erheblich
zum appetitlichen Ambiente des Ereignisses beitragen. |
Und doch möchte ich nicht negativ erscheinen, denn wenn man sich den Freßplatz, die vielen
überfetteten Amerikaner, die eisbeschmierten Kleinchen, die Fliegen und den Staub wegdenkt, bleibt immer noch ein toller Flohmarkt übrig, der in Deutschland seinesgleichen sucht, riesengroß und mit allem, was das Sammlerherz begehrt.
Ja, oft weiß das Sammlerherz gar nicht, daß es überhaupt irgend etwas begehrt, jedenfalls nicht bevor es in Stormville war. Es hätte uns mal jemand voraussagen sollen, daß wir heute stolze Besitzer von sieben gut erhaltenen blechernen
Lunchboxen aus den frühen (oder etwas späteren, wer vermag das schon so genau zu sagen?) Sechzigerjahren sind. Solche metallenen Lunchboxen sind mittlerweile tatsächlich echte Raritäten, denn erstens werden die Dinger heutzutage aus
Plastik hergestellt und dienten zweitens zu ihrer Zeit neben der eigentlichen Funktion als Schlagwaffen bei mittäglichen Pausenkämpfen auf dem Schulhof, jedenfalls bevor der Gebrauch von Handfeuerwaffen und Schrotflinten allgemein in
Schülerkreisen populär wurde. Deshalb sind gut erhaltene (also möglichst wenig verbeulte) Blechexemplare heute in Sammlerkreisen durchaus ihre 50 bis 300 Dollar wert. Wie gesagt: leider nur in Sammlerkreisen. |
Wir (speziell ich) hätten uns auch nie träumen lassen, einmal in unserem Leben zwölf (oder
sind es etwa gar schon fünfzehn?) echt antike amerikanische Milchflaschen zu besitzen, nebst passender Holzkiste und verchromten Tragegestell, versteht sich. |
Außerdem ist derzeit ist Silberkram bei uns angesagt. Wir besitzen inzwischen mehr Silber,
als die spanischen Conquistadoren jemals den Azteken geklaut nachdem sie sie erschlagen haben. Und auch wenn es bei Gisela und mir meist unblutiger abgeht, trinken wir neuerdings im Schein unserer silbernen Armleuchter unseren Wein
aus der Silberkaraffe, wenn wir unser Silberfondue-Set benutzen, nachdem wir unsere mit dem Silberbesteck zerkleinerten Fleischbröckchen mit Pfeffer und Salz aus unseren Silberstreuern gewürzt haben. Das Obst in der Silberschale macht
sich jedenfalls sehr dekorativ neben dem Silberpokal mit dem Efeu drin, und der silberne Eisbehälter paßt ausgezeichnet zu unserer kürzlich erworbenen silbernen Acht-Dollar-Wasserkanne, vor allem wenn Gisela mit ihren Silberarmbändern
und -ringen geschmückt neben der silbernen Butterschale steht. |
Wie gesagt, all das findet ein Sammlerherz in Stormville und noch vieles mehr, denn auch die
praktischen Dinge des Lebens kommen nicht zu kurz. Unsere Steakmesser stammen ebenso von dort wie unsere Zahnpasta. Den Ahornsirup hatte ich ja bereits erwähnt, doch das Spezialmehl für die dazugehörigen Frühstückspfannkuchen darf ich
hier keinesfalls vergessen, ebensowenig wie die diversen Grillgewürze, den großen Teil unserer Kochlöffel, mehrere Jeans, vier Ölkännchen, ein Rucksack, zwei Regenschirme, eine Gartenschere, drei Oberhemden, zwei Büstenhalter und ein
paar hundert andere Verbrauchsmaterialien und Kleinigkeiten des täglichen Bedarfs, die mir im Moment nicht mehr alle einfallen wollen und die ich deshalb hier leider unerwähnt lassen muß. Denn neben Trödel, Ramsch und Sammlerstücken,
sowie dem schier unüberschaubar riesigen Neuwarenangebot bietet der Einkauf auf amerikanischen Flohmärkten - und auf Garage Sales selbstverständlich auch - den ungeheuren Vorteil, daß keine Umsatzsteuer anfällt. Alles wechselt Brutto
für Netto den Besitzer und ich frage mich bloß, wie lange Bill Clinton, der Kongreß und das Pentagon diesem schwarzmarktähnlichen, fiskusschädigenden, staatsfeindlichen, ja geradezu gotteslästerlichen Treiben noch untätig zuschauen
werden. Eile ist geboten, wo ist mein Portemonnaie? |
Jedenfalls verbringen Gisela und ich neuerdings den größten Teil unserer gemeinsamen Zeit
zwischen zwei Stormville-Ereignissen damit, herauszufinden, wofür wir unsere sieben blechernen Lunchboxen und die zwölf bzw. fünfzehn antiken Milchflaschen sinnvoll im Haushalt nutzen könnten. Außer natürlich, um Pausenbrote und Milch
darin zu verwahren, denn das wäre ja doch wirklich zu profan.... etwaige Ideen sind herzlich willkommen. |
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mit allen 25 Berichten (zusammen rund 180 Seiten), die wir während unseres vierjährigen USA-Aufenthaltes geschrieben haben. Entdecken Sie Amerika aus unserem ganz persönlichen Blickwinkel! |
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Und auf Giselas persönlicher Web Seite können Sie sich unter anderem ihre eben erwähnten Lunchboxen und Milchflaschen ansehen. |
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